Wenn Krisen die Seele belasten

Schriftsteller Max Frisch hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Mit anderen Worten: Man muss Krisen bewältigen – und manchmal über sich hinauswachsen, um nicht an ihnen zu scheitern.

Wenn Krisen die Seele belasten

Wir hatten es in neuerer Zeit allerdings mit vielen Krisen zu tun. Der Hauch von Katastrophe ist fühlbarer geworden. Wir unterliegen dem Dauerstress von Flüchtlingskrisen, Klimawandel-Folgen, Corona-Pandemie, Pflegenotstand, dem Ukrainekrieg und zunehmendem Rechtsradikalismus. Obendrauf legt sich die Energiekrise, die eine gewaltige Teuerung verspricht. Unsere gewohnte Lebenswelt ist aus den Fugen geraten.

Dauerstress und ständiger Druck machen krank

Die weltweiten Krisen können von vielen Menschen kaum noch weggeblendet werden. Der Grund ist, dass sie uns unmittelbar betreffen. Viele Menschen fühlen sich all dem hilflos ausgeliefert. Warnzeichen wie Schlafprobleme, Stress oder Ängste sollten daher wichtig genommen werden. Es ist im Sinne der Selbstfürsorge, sämtliche Probleme auf Erden gelegentlich loszulassen. Die seelische Gesundheit zu erhalten, ist unsere wichtigste Aufgabe. Sie hält uns handlungsfähig.

Tatsächlich kann jeder etwas tun – als Minimum für sich selbst. Buddha hat es schon von etwa 2.500 Jahren erkannt: Alles ist stetigem Wandel unterworfen. Das widerspricht allerdings unserem Bedürfnis, alles in sicheren Grenzen zu halten. Trotz aller Versicherungen, die abgeschlossen werden, ist niemand wirklich gefeit gegen Veränderungen. Kommen diese allerdings in geballter Form auf uns zu, gleichen sie einer Lawine. Wir lassen uns von ihnen mitreißen.

Unter dem Einfluss von medialem Dauerfeuer über Themen wie Inflation und Teuerung, Corona und Klimawandel, Trumpismus und Putinismus tritt bei wenig resilienten Menschen irgendwann eine abgrundtiefe Erschöpfung ein. Die Frage ist, ob Burnout und Bore-out uns in schwierigen Lebensphasen weiterhelfen. Wir dürfen unter der Last der Herausforderungen weder zusammenbrechen noch angeödet sein. Vielmehr sollten wir zunächst in eigener Sache aktiv werden. Unsere seelische Gesundheit ist wichtig. Zu viel Druck und Stress machen die Seele krank.

Wir können uns jedoch seelisch wappnen und in Resilienz üben. Das bedeutet: wehrhafter zu werden. Wir dürfen uns nicht von einer Problem-Lawine überrollen lassen. Selbstfürsorge bedeutet, dem Ansturm der Anforderungen mit Achtsamkeit zu begegnen. Bei unübersehbaren Anzeichen von Erschöpfung sind die Bedürfnisse von Körper, Seele und Geist in Gefahr. In zweiter Linie können wir Krisen besser bewältigen, indem wir uns engagieren.

Warnzeichen für eine seelische Überlastung

Einsamkeit durch ein fehlendes soziales Netz, Erschöpfung sowie Dauerstress und ständiger Druck können zu einem Burnout beitragen. Der Schritt von der Erschöpfung zum Burnout ist nicht besonders groß. Wer seine Erschöpfung nicht wichtig genug nimmt und nicht rechtzeitig die Reißleine zieht, kann einen Burnout kaum umschiffen. Er stellt sich schleichend ein.

Die überlastete Seele meldet sich zunächst mit Ängsten, Grübel-Attacken oder Depressivität. Die Betroffenen fühlen sich erschöpft, genervt und weniger belastungsfähig. Die gewohnte Regeneration in der arbeitsfreien Zeit bleibt aus. In der zweiten Phase der seelischen Überlastung entstehen neben psychischen auch psychosomatische Symptome. Stimmungsschwankungen und tiefe Erschöpfung machen sich breit. Die Regenerationsfähigkeit geht gegen Null. Gereiztheit, Nervosität und Schreckhaftigkeit deuten an, dass jemand sich dauergestresst fühlt.

Manches Ansinnen des sozialen Umfeldes wird mit Aggressivität oder Zynismus beantwortet. Es mangelt zunehmend an Mitgefühl für andere. In der dritten Phase erkennt mancher sich selbst fast nicht wieder. Die Betroffenen haben innerlich aufgegeben, fühlen sich resigniert und apathisch. Sie fühlen sich ausgebrannt, deprimiert und abgestumpft. In allen Phasen der Erschöpfung können körperliche Beschwerden auftreten. Warnsignale sind ein schwächelndes Immunsystem, stressbedingte Infekte oder Herpesausbrüche.

Dazu gesellen sich Schlafstörungen, Schweißausbrüche, zermürbende Gedankenmühlen, verspannte Muskulatur, Vitalstoffmängel, Rücken- oder Kopfschmerzen oder Herzrasen. Es kann sogar zu Panikattacken kommen. Bis dahin sollte es niemand kommen lassen. Wenn Warnzeichen wie die geschilderten auf Dauerstress, Überlastung und psychischen Druck hinweisen, ist die seelische Gesundheit in Gefahr. Was außerhalb von uns passiert, nimmt zu viel Raum in unserer Seele ein.

Handlungsfähigkeit sicherstellen und Resilienz entwickeln

Wann hast du das letzte Mal deine Aufmersamkeit nach innen gelenkt? – Fotolia © inarik

Da es weder sinnvoll noch möglich ist, sich gegen alle irdischen Krisen abzuschotten, sollten Betroffene nach anderen Möglichkeiten suchen, die hilfreich sind. Zunächst ist umgehende Selbstfürsorge notwendig. Wer sich unter dem Ansturm krisenbedingter Folgeerscheinungen dauergestresst fühlt, sollte sich liebevoll seiner selbst annehmen und sich Gutes tun. Es hilft, mit Bekannten das Gespräch zu suchen oder sich einer Gesprächsgruppe anzuschließen. Seine Sorgen und Ängste mit anderen zu teilen, stärkt den eigenen Mut. Es schafft Verbundenheit. Viele Menschen fühlen sich ähnlich.

Gegen Einsamkeit kann der Anschluss an einen lokalen Sport- oder Wanderverein helfen. Bewegung baut Stress ab. In Gemeinschaft Naturareale zu erkunden oder Ballspiele zu spielen, hat eine heilsame Wirkung auf Körper und Geist. Meditation, Yoga und Chi Gong bringen Gestresste zum ruhigen atmen und zurück in die eigene Mitte. Ein heißes Bad mit beruhigenden ätherischen Ölen oder ein gutes und inspirierendes Buch sorgen für Entspannung. Wann immer möglich Zeit für sich selbst zu haben, ist wichtig in herausfordernden Zeiten. Nur so können Betroffene feststellen, welche eigenen Bedürfnisse zu kurz gekommen sind.

In zweiter Linie kann der Blick geweitet werden. Viele Missstände dieser Zeit haben ihren Ursprung in uns Menschen. Auch unsere persönliche Krise rührt daher. Viele Menschen versäumen es, sich in schwierigen Lebensphasen ausreichend um sich selbst zu kümmern. Um in jeder Lebenslage handlungsfähig zu bleiben, ist es jedoch wichtig, Verantwortung für sein eigenes Tun und Unterlassen zu übernehmen. Gegen Einsamkeit, Ängste, Stress, Teuerung und Inflation gibt es bessere Mittel als sie zu verfluchen.

Indem man in einer Krise zum Handelnden wird, schwindet die Hilflosigkeit. Was also können wir tun?

Jede problembeladene Zeit fordert uns zum Wachsen heraus

Einer herausfordernden Lebensphase den Hauch der Katastrophe zu nehmen, setzt mehr Realitätssinn voraus. Sobald schwierige Zeiten und mediales Dauerfeuer uns herausfordern, neigen viele Menschen zum Pessimismus. Statt für sich und andere zu sorgen, verfallen sie in Selbstzweifel, schimpfen auf Politiker oder empfinden sich als Opfer von Dingen, für die sie nichts können. Opferhaltungen halten Menschen allerdings in der Passivität. Mit aktiven Handlungen stärken wir uns selbst.

Die Betrachtung dessen, was ist, ist hilfreich, solange keine Bewertungen vorgenommen werden. Denn in jeder Krise stecken auch Chancen, sich selbst zu entwickeln. Trotz des nagenden Gefühls der Hilflosigkeit und Verletzlichkeit sind wir in Wahrheit stark und handlungsfähig. Es ist in Ordnung, seine Ängste und seine Hilflosigkeit liebevoll anzunehmen. Es ist jedoch keine Option, sich diesen zu überlassen. Jeder Mensch kann neben einer liebevollen und fürsorglichen Haltung zu sich selbst auch die Fähigkeit entwickeln, an Herausforderungen zu wachsen.

Auch das ist Selbstfürsorge: angesichts schwieriger Zeiten zu erkennen, dass wir immer etwas tun können.

Wann ist psychologische Hilfe nötig?

Lebensbejahung und Selbstvertrauen sind nötig, um belastende Lebensphasen besser zu überstehen. Wo diese beiden Elemente fehlen, ist möglicherweise psychologische Hilfe sinnvoll. Dafür sollte sich niemand schämen. Unsere inneren Ressourcen stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Wenn unbeachtet gebliebene Stress-Symptome zu Depressionen, Angststörungen oder Burnout geführt haben, brauchen wir Hilfe. Die Inflation des Selbstwertgefühls ist zu groß geworden. Wir sind manchmal nicht mehr in der Lage, Oberwasser zu behalten.

Wenn die seelische Gesundheit ins Wanken kommt, ist der Gang zur Psychotherapeutin, psychologischen Berater oder Lifecoach ebenfalls Teil der Selbstfürsorge. Es ist der ersten Schritt hin zur Heilung und zum Self-Empowerment. Damit ist eine Haltung gemeint, die zur Selbstermächtigung führt. Die Beschäftigung mit Self-Empowerment legt verschüttete Ressourcen bloß. Sie ermöglicht uns Einblicke in innere Stärken und Ressourcen, für die wir unter dem Druck der aktuellen Geschehnisse den Blick verloren haben.

Neben Ängsten, Befürchtungen und Sorgen verfügen wir auch über Persönlichkeitsanteile, die für soziale Kompetenz und innere Stärke stehen. Neben dem Pessimismus, der krisenbedingt überhandgenommen hat, verfügen wir auch über die Fähigkeit zum Optimismus. Wir können uns unseren Stärken zuwenden, statt uns Hilflosigkeit, Angst und Schwäche ausgeliefert zu fühlen.

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