Kreativ bis zum Burnout

Im Zeitalter des Individualismus gilt es, etwas zu beweisen – und das permanent. Das Selbst soll sich ausdrücken: tagsüber im Beruf, abends in sozialen Netzwerken, am Wochenende beim Sport, beim Fotografieren oder wenigstens beim Kochen. Der Drang, sich in einer Welt, in der vieles beliebig scheint, zu definieren und abzugrenzen, treibt einige Menschen in eine Überschussproduktion von Inspiration.

Nicht umsonst sind kreative Berufe – Forschung, Produktentwicklung, Marketing, Design oder Kommunikation – immer gefragter und gelten als schick. Auch in der Freizeit wird sich gern und viel künstlerisch ausgedrückt – selbst wenn es nur darum geht, zu konsumieren und sich durch den Kauf und das Arrangement bestimmter Produkte selbst zu verorten und unverwechselbar zu machen.

Der Drang, den ungestümen Künstler zu markieren, Regeln zu verachten und das Ungewöhnliche zu wagen, bevor es ein anderer tut, findet sich heutzutage bis in die Chefetagen von Unternehmen. Nicht mehr Kapital und Arbeit, Fleiß und Disziplin sind  die Motoren der Wirtschaft, sondern alles, was im weitesten Sinne mit Ideen- und Symbolproduktion zu tun hat: Architektur, Design, Informatik und Wissenschaft. Das Schönste an dieser Kreativität ist, dass es das eigene Prestige mehrt. Kreativität bedeutet motivierter, erfüllter und intensiver zu leben – auch und gerade im Beruf.

Die Gefahr besteht allerdings darin, im kreativen Chaos zu versinken und im Drang, unbedingt kreativ sein zu müssen, nichts mehr wirklich Originelles zu erschaffen: ein Überschuss an leeren Inhalten, ein Mangel an Struktur. Nichts zuletzt deshalb sind besonders Menschen in kreativen Berufen häufig von Burnout betroffen. Letztlich droht dabei allerdings nicht nur den Menschen ein Burn-Out, sondern häufig auch ein wirtschaftlicher Kollaps.

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